Durchaus bemerkenswert, wie eine derartige Geschichtsklitterung eines monarchistischen bayerischen Bürgers den LeserInnen der SZ ohne Faktencheck zugemutet wird. Viele Dinge werden „nicht gerne gesagt“. Ich wünsche mir einen Folgeartikel eines Historikers, der die Aussagen wissenschaftlich fundiert einordnet. Vielleicht ist als nächstes jedoch ein Podcast von Herrn Luitpold Prinz von Bayern mit Herrn Heinrich XIII. Prinz Reuß geplant?
Bedauernswert, wie Max Joseph I. in den Krieg „reingezogen“ wurde, erst auf Seite Napoleons. Man kann Max‘ persönliches Leiden wohl nur aus der Adelsperspektive verstehen, und sicher nicht aus Sicht der bayerischen Untertanen, die im Feldzug nach Russland krepiert sind (man bewundere die romantischen Kriegerdenkmäler in nahezu allen bayerischen Orten). Ein nahezu söderscher Opportunismus, wie er im „richtigen Moment“ machtorientiert Napoleon verrät und die Seite wechselt – aber alles behält was Napoleon im geschenkt hat, inklusive „Königswürde“.
Und der arme Ludwig I., in der Landesausstellung erfährt man auch wirklich gemeine Sachen. Z.B. dass er in seiner Soldatenzeit in Regensburg einmarschiert ist. Oder dass sein Main-Donau-Kanal ein finanzielles Desaster war.
Weiter mit Ludwig II.: Wie anständig, dass die Familie die Schulden bezahlt hat. Die Trennung von Privat- und Staatsvermögen hat allerdings erst halbwegs sauber nach dem 1. Weltkrieg stattgefunden. Seitdem leben die „Wittelsbacher“ gut vom Ausgleichsfond. Übrigens: Glücklicherweise hatte England nie, nie eine Revolution, wie Herr Prinz von Bayern betont. Die Hinrichtung Karl I. war eher nicht so ernst gemeint.
Zu den schönsten Aussagen des Interviews: 5000 „Randalierer“ haben also das bayerische Königshaus gestürzt. Hätte er nicht noch deutlicher werden können und herabwürdigendere Bezeichnungen finden können: „Kriminelle“, „Brandschatzer“? Auch besser, wenn man Kurt Eisner nicht erwähnt, dem Bayern den Namen „Freistaat“ verdankt, das Frauenwahlrecht oder den Achtstundentag. 60 000 Menschen am Vortag auf der Theresienwiese? Sicher auch alle aus dem hohen Norden in Zügen herangekarrt, den die Bayerinnen und Bayern wollten offensichtlich lieber gerne weiter für den König sterben, sowie die Soldaten in den Kasernen, die sich dem Eisner kurzerhand angeschlossen haben. In ganz Bayern gab es 1918 etwa 7000 Räte – sicher wollten die das alle nicht wirklich, sondern das war alles offensichtlich von außen gesteuert.
Luitpold liebäugelt offensichtlich sehr mit der Monarchie. Schon wichtig, dass Ludwig III. nicht abgedankt hat. Das ändert alles. Nur, was genau? Er war halt ein alter weißer Mann und offensichtlich senil. De facto gibt es weder Königreich noch Adel in Bayern. Ermutigend auch das Gerede vom bayerischen „Nationalstaat“ und „Nationalbewußtsein“. Den 20% der Bayerinnen und Bayern mit Migrationshintergrund muss man da etwas väterliche Nachhilfe geben, wer jetzt zur erlauchten bayerischen Nation dazugehört und wer nicht.
Was man Herrn Luitpold Prinz von Bayern zugutehalten muss: er hat seinen Nachnamen behalten, nicht wie der Franz, der, das Namensrecht ignorierend, in Adelsmanier mit Machtübernahme des „Hauses“ plötzlich nicht mehr „Prinz“, sondern „Herzog“ im Nachnamen „führt“.
In der Online-Ausgabe des Artikels gibts zusätzliches ein schönes Hochzeitsfoto des Sohnes Ludwig, die SZ bezeichnet in huldvoll als „Prinz Ludwig“. Das war der Tag, an dem das „Haus Wittelsbach“ den kompletten Nymphenburger Schloßgarten für die bayerischen Bürgerinnen und Bürger sperren wollte, und nur durch Interventionen (die Abendzeitung berichtete, nicht die SZ) davon abgehalten werden konnte. Und: wirklich sehr beeindruckend. Ludwig. 10 Jahre im Zelt. Ausschließlich, jeden Tag. In Afrika (nähere Ortsbezeichnungen unnötig, Arika ist halt Afrika). Der arme arme Mensch. Muß sein Lebtag nix arbeiten.
Zusammenfassend kann ich nur sagen: als bayerischer Bürger graust es mich vor dem Weltbild des Herrn Prinz von Bayern.
Link zum Artikel: Das Haus Wittelsbach (Paywall)
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