{"id":984,"date":"2020-04-12T14:42:24","date_gmt":"2020-04-12T13:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=984"},"modified":"2020-05-23T14:30:24","modified_gmt":"2020-05-23T13:30:24","slug":"joggen-trotz-coronavirus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=984","title":{"rendered":"Joggen trotz Coronavirus"},"content":{"rendered":"\n<h2>Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Beibehaltung guter wissenschaftlicher Praxis auch in Coronazeiten<\/h2>\n\n\n\n<p>Huch &#8211; besteht eine erh\u00f6hte Wahrscheinlichkeit sich beim Laufen und Joggen mit dem Coronavirus zu infizieren? Wenn es doch die S\u00fcddeutsche Zeitung schreibt: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/coronavirus-covid-19-forschung-newsblog-1.4788734?fbclid=IwAR1QsoaF4OywNQML05F1m8_MGAEwODw9vBHmsGNz6cIaKtrKTE85e2Ih2Fk\">Forscher empfehlen Joggern zehn Meter Abstand<\/a>?<\/p>\n<p>Schauen wir mal genauer hin: Die S\u00fcddeutsche verweist in ihrem Beitrag auf einen Beitrag in <a href=\"https:\/\/www.runnersworld.com\/uk\/news\/a32094750\/coronavirus-runner-slipstream\/\">Runner&#8217;s World<\/a>, der wiederum verweist auf einen ungepr\u00fcften Blogeintrag eines Nutzers bei <a href=\"https:\/\/medium.com\/@jurgenthoelen\/belgian-dutch-study-why-in-times-of-covid-19-you-can-not-walk-run-bike-close-to-each-other-a5df19c77d08\">medium.com<\/a>, der wiederum (auf Nachfrage in den Kommentaren) auf ein <a href=\"http:\/\/www.urbanphysics.net\/Social%20Distancing%20v20_White_Paper.pdf\">Preprint-Papier<\/a> von Blocken &amp; Malizia et al. verweist, das sich mit etwas Gl\u00fcck gerade im wissenschaftlichen Proze\u00df der Begutachtung befindet. In diesem Zustand kann man als Laie in Bezug auf dieses Fachgebiet nicht bewerten, ob das Papier wissenschaftlich korrekt ist, oder ob hier der Coronahype mitgenommen wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Da ich keinen anderen Anla\u00df habe, nehme ich jetzt mal positiv denkend an, da\u00df die Experimente und Auswertungen des Papiers wissenschaftlich korrekt durchgef\u00fchrt wurden. Es wurden Messungen im Windkanal um Computersimulationen erg\u00e4nzt, die die Ausbreitungen von Tr\u00f6pfchen im Umfeld von zwei hintereinander laufenden Sportlern untersuchen. Die Sportler werden dabei als &#8222;starre&#8220; K\u00f6rper simuliert, d.h. die beiden Menschen bewegen sich in Laufrichtung, bewegen dabei jedoch weder Arme noch Beine. Das Ergebnis des Papiers: Bei typischen Laufgeschwindigkeiten, in einer windstillen Umgebung, bei zwei gleich gro\u00dfen starren L\u00e4ufern, erreichen auch in gr\u00f6\u00dferer Entfernung als 1,5m den hinteren L\u00e4ufer Tr\u00f6pfchen aus der Atemluft des ersten L\u00e4ufers.<br \/>Die Limitierungen des Experiments werden von den Autoren auch so geschildert &#8211; die wissenschaftliche Herangehensweise ist hier also in Ordnung. Die Autoren selbst schlagen auch weitere Untersuchungen vor, wie dynamische Betrachtung, versetztes Laufen oder Ber\u00fccksichtigung von Wind. Die Forscher stellen fest, da\u00df, in ihrem Experimentaufbau, versetztes Laufen oder ein gr\u00f6\u00dferer Abstand zu einer geringeren Kontamination mit Tr\u00f6pfchen f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das ist wissenschaftlich soweit in Ordnung &#8211; nicht ok ist es allerdings, aus dieser noch unver\u00f6ffentlichten Studie einfach mal so weitere Schl\u00fcsse zu ziehen und Verhaltensempfehlungen zu geben. Man kann aktuell nur sagen: vielleicht sind 10m Abstand besser &#8211; vielleicht aber auch nicht.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Forscher sprechen von &#8222;substantial droplet exposure&#8220;,<br \/>quantifizieren diese jedoch nicht. Sie spezifizieren auch nicht, wo auf<br \/>dem K\u00f6rper des zweiten L\u00e4ufers die Tropfen auftreffen. Im Papier werden<br \/>nur Bilder der Simulation mit einer Gr\u00f6\u00dfenverteilung der Tr\u00f6pfchen, jedoch keine Dichteverteilung gezeigt. Hier sollte nachgebessert werden.<\/li>\n<li>Ich vermute, da\u00df ein Mensch, der gerade Sport treibt, zu dieser Zeit mit einer niedrigeren Wahrscheinlichkeit an Covid-19 erkrankt ist als die Menschen der Umgebung im Durchschnitt: niemand geht mit Fieber oder Husten zum Laufen. Schlimmstenfalls befindet sich der L\u00e4ufer in den ersten Tagen der Erkrankungen oder ist generell symptomlos. Generell w\u00fcrde ich also vermuten, da\u00df die Ansteckungsgefahr bei Sporttreibenden niedriger ist als bei anderen. Es k\u00f6nnte also sein, da\u00df Joggen, auch wenn der Tr\u00f6pfchenaustausch h\u00f6her sein sollte, statistisch ein geringeres Infektionsrisiko hat als das Ratschen mit dem Nachbarn in 1,5m Abstand.<\/li>\n<li>Sporttreibende tendieren dazu, schneller zu atmen und damit auch mehr Volumen auszutauschen. Es w\u00e4re interessant zu wissen, ob sich dies auf den Prozess einer m\u00f6glichen Infizierung durch Einatmung von Tr\u00f6pfchen oder auf die Konzentration der Viren in der Atemluft auswirkt. Dieser Effekt k\u00f6nnte nat\u00fcrlich positiv oder negativ sein.<\/li>\n<li>Bei Windeinflu\u00df k\u00f6nnte versetztes Laufen kontraproduktiv sein.\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade jetzt, wo noch vieles bez\u00fcglich des Coronavirus und der Erkrankung unklar ist &#8211; schlichtweg, weil die notwendigen Me\u00dfdaten fehlen oder zu ungenau sind &#8211; Letalit\u00e4t, Immunit\u00e4t, Ansteckungswege, Medikamente, Impfstoffe &#8211; sollte auf eine gute wissenschaftliche Praxis nicht verzichtet werden.<\/p>\n<p>Angemessene Regeln zum gesundheitlichen Schutz unserer Gesellschaft sind offensichtlich notwendig. Die Ereignisse auf unserem Globus f\u00fchren uns die Gefahren der Epidemie klar vor Augen. Nur: Genau wie Bullshitparolen von Verschw\u00f6rungstheoretiker (&#8222;ist ja nur ein Grippevirus&#8220;) immens gef\u00e4hrlich sind, weil sie geeignet sind, das Vertrauen der Menschen in die Wichtigkeit der Gegenma\u00dfnahmen zu zerst\u00f6ren, sind auch \u00fcberzogene und falsch verstandene Ma\u00dfnahmen ungeeignet uns zu sch\u00fctzen und erzeugen schlimmstenfalls humoriges Unverst\u00e4ndnis (<a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/sitzen-auf-parkbaenken-und-sonnenbaden-doch-erlaubt,RvZc3zD\">Sitzen auf Parkb\u00e4nken und Sonnenbaden doch erlaubt<\/a>), unn\u00f6tige Aus\u00fcbung von Polizeigewalt (<a href=\"https:\/\/dju.verdi.de\/presse\/pressemitteilungen\/++co++450f1540-79a5-11ea-a3ef-52540066e5a9?fbclid=IwAR3yPcMDuTOGYiCuIUPS0pwtKneQsX0SuX1NuNUwNJLdFSJNzZyCW_L2c0E\">dju in ver.di kritisiert Polizeigewalt gegen Journalistinnen und Journalisten<\/a>) oder es drohen echte gesundheitliche Gefahren (<a href=\"https:\/\/www.sciencemag.org\/news\/2020\/04\/france-s-president-fueling-hype-over-unproven-coronavirus-treatment?utm_campaign=news_weekly_2020-04-10&amp;et_rid=35347345&amp;et_cid=3281849\">Is France\u2019s president fueling the hype over an unproven coronavirus treatment \/ Science<\/a>).<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df der Verweis auf eine weitere kritische Betrachtung dieser wissenschaftlichen Arbeit: <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/en_us\/article\/v74az9\/the-viral-study-about-runners-spreading-coronavirus-is-not-actually-a-study\">Vice \/ The Viral \u2018Study\u2019 About Runners Spreading Coronavirus Is Not Actually a Study<\/a>.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung 17.04.2020: In der Druckausgabe vom 16.04.2020 hat auch die SZ die Relevanz der zitierten Forschungsergebnisse relativiert und die oben genannten Argumente weitestgehend auch selbst genannt. Es wird sogar bekr\u00e4ftigt: &#8222;Ob sich jemand anstecken kann,wenn er mit drei Meter Abstand hinter einem Infizierten l\u00e4uft, wird nicht beantwortet,weshalb manche Epidemiologen \u00fcber die Studie entsetzt waren.&#8220;<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung 4.5.2020: Die Zeitschrift Science pl\u00e4diert nun auch: <a href=\"https:\/\/science.sciencemag.org\/content\/368\/6490\/476\">Against pandemic research exceptionalism<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Beibehaltung guter wissenschaftlicher Praxis auch in Coronazeiten Huch &#8211; besteht eine erh\u00f6hte Wahrscheinlichkeit sich beim Laufen und Joggen mit dem Coronavirus zu infizieren? Wenn es doch die S\u00fcddeutsche Zeitung schreibt: Forscher empfehlen Joggern zehn Meter Abstand? 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