{"id":603,"date":"2015-01-15T12:25:19","date_gmt":"2015-01-15T10:25:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=603"},"modified":"2016-03-16T00:08:35","modified_gmt":"2016-03-15T22:08:35","slug":"religionskritik-in-zeiten-von-pegida-und-charlie-hebdo-vom-richtigen-zeitpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=603","title":{"rendered":"Religionskritik in Zeiten von Pegida und Charlie Hebdo &#8211; Vom richtigen Zeitpunkt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Pegida wird von Rechtsextremen organisiert oder unterst\u00fctzt und verfolgt faschistische Ziele. W\u00e4hrend man in Dresden gutm\u00fctig noch von vielen naiven Mitl\u00e4ufern ausgehen kann, sind in St\u00e4dten wie z.B. M\u00fcnchen die an Pegida angelehnten Kundgebungen klar von Neonazis dominiert (<a href=\"http:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/inhalt.bagida-und-muegida-die-koepfe-hinter-pegida-in-muenchen.fa195200-cc68-4a24-984d-99fb5169d96b.html\" target=\"_blank\">Abendzeitung M\u00fcnchen<\/a>). In Dresden m\u00f6gen runde Tische und Diskussionen diese Mitl\u00e4ufer beeinflussen k\u00f6nnen. In M\u00fcnchen ist nach meiner Meinung der harte, unbelehrbare rechtsextreme Kern daf\u00fcr zu gro\u00df. Ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, da\u00df sich humanistische Verb\u00e4nde und Vereinigungen klar gegen Pegida, und f\u00fcr eine humanistische, weltoffene Gesellschaft aussprechen &#8211; zum Beispiel durch die Unterst\u00fctzung von Gegendemonstrationen. Religionskritik mu\u00df weiterhin m\u00f6glich sein &#8211; nur bitte zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ohne die Spaltung der Gesellschaft, die von Pegida vorangetrieben wird, auch noch zu unterst\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Pegida hetzt. Pegida hetzt auf eine perfide Art und Weise: Durchaus rationale Kritikpunkte werden auf den Demonstrationen mit l\u00e4cherlichen Stammtischparolen und Behauptungen kombiniert, um einseitig gegen den Islam oder die Presse zu hetzen. Es ist zu bef\u00fcrchten, da\u00df Pegida damit aktuell f\u00fcr uns Humanisten die M\u00f6glichkeit verbrennt, eine unaufgeregte, rationale Kritik zu \u00fcben und unsere Standpunkte \u00fcberlegt und ruhig darzulegen. Wenn die humanistischen Organisationen jetzt nicht klare Flagge zeigen, wof\u00fcr sie stehen, werden wir in unserer Aufkl\u00e4rungsarbeit um Jahre zur\u00fcckgeworfen. Viele Organisationen sich schon distanziert, einige z\u00f6gern jedoch oder weigern sich, diese Aussage zu treffen (<a href=\"https:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=569\" target=\"_blank\">Atheologie.de<\/a>).<\/p>\n<p>Die Hochschulgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) Jena und der Bund f\u00fcr Geistesfreiheit (BfG) Erlangen wurden auf Kundgebungen kurz nach den Terrorattacken in Frankreich f\u00fcr ihre \u00c4u\u00dferungen kritisiert:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Hochschulgruppe der GBS-Jena wurde offensichtlich f\u00fcr eine zu wenig klare Distanzierung von Pegida ger\u00fcgt. In ihrem <a href=\"http:\/\/gbs-jena.blogspot.de\/2015\/01\/stellungnahme-zur-gedenkveranstaltung.html\" target=\"_blank\">Blog <\/a>versucht die GBS-Jena dies klarzustellen und unterscheidet zwischen einer &#8222;abzulehnenden Pauschalverurteilung aller Muslime und der notwendigen Ideologiekritik am Islam&#8220;.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Der BfG Erlangen \u00e4u\u00dferte sein Entsetzen \u00fcber die Attentate in Frankreich, betonte in der gleichen Rede die Notwendigkeit der Religionskritik und fordert die Abschaffung des Blasphemieparagraphen, mit Hinweis auf die Initiative von Michael Schmidt-Salomon (<a href=\"hpd%20http:\/\/hpd.de\/artikel\/10959\" target=\"_blank\">Rede des Vorsitzenden Ebert beim hpd<\/a>\u00a0 , <a href=\"http:\/\/www.giordano-bruno-stiftung.de\/meldung\/charlie-hebdo-paragraph166-abschaffen\" target=\"_blank\">MSS: \u00a7166 Abschafen<\/a>), was offensichtlich zu Unmut gegen\u00fcber dem BfG Erlangen f\u00fchrte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das erste Ziel des Humanismus ist nicht Kritik an den Religionen. Das erste Ziel des Humanismus ist der Humanismus. Deswegen sollte unsere erste Botschaft sein: wir stehen zu unserer Gesellschaft mit ihren humanistischen Werten, und wir begr\u00fc\u00dfen alle Menschen, gleich welcher Religion und Weltanschauung, die diese Werte mit uns teilen. Dies gilt, gerade jetzt, im speziellen f\u00fcr unsere islamischen und j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger und unsere G\u00e4ste. Und wir m\u00fcssen klarstellen, wie ein Mantra, dessen Wiederholung jedoch wichtig ist: der Gro\u00dfteil der in Deutschland lebenden Menschen teilt diese Werte, unabh\u00e4ngig von Weltanschauung und Religion.<\/p>\n<p>Hier und heute sollte daher die Priorit\u00e4t humanistischer Organisationen darauf liegen, eine weitere Spaltung unserer Gesellschaft, z.B. durch die Hetzer von Pegida oder die Terroristen in Frankreich und anderen L\u00e4ndern, zu vermeiden, indem wir uns zusammen mit allen, die diese Werte teilen, auf die Stra\u00dfe stellen und demonstrieren, gegen Pegida, gegen Rechtsextremismus und gegen Terror. Wir sollten Wert darauf legen, da\u00df in den Aufrufen auch konfessionslose und humanistische Vereinigungen genannt werden \u2013 um klar zu machen, da\u00df auf den Stra\u00dfen Deutschlands nicht nur Christen, Parteien und Gewerkschaften f\u00fcr unsere Gesellschaft demonstrieren, sondern eben ganz besonders auch humanistisch gesinnte Menschen. Was kann man sich als Humanist mehr W\u00fcnschen, als da\u00df so viele Menschen Unterst\u00fctzung f\u00fcr humanistische Ziele zeigen?<\/p>\n<p>Genau wie der Anschlag in Norwegen durch Breivik m\u00f6glicherweise durch ein verworrenes christlich-rechtsextremistisches Weltbild mit bedingt war (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anders_Behring_Breivik\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a>), so sind islamistische Attentate durch ein verworrenes Islambild bedingt. In den vergangenen Jahren haben sich die christlichen Kirchen in Deutschland und weltweit, zum Beispiel mit den ersch\u00fctternden Mi\u00dfbrauchsskandalen oder mit der Geldverschwendung Tebartz-van Elsts, in Mi\u00dfkredit gebracht und waren somit effektiver als jede Kirchenkritik von seiten der Humanisten es h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Den gleichen Effekt werden die furchtbaren Attentate in Frankreich haben: Die Kritik an bestimmten Haltungen im Islam liegt quasi vor den Augen der Menschen in Europa.<\/p>\n<p>Die islamischen Verb\u00e4nde in Deutschland haben selbst erkannt, da\u00df es aktuell ein Problem der Radikalisierung bei manchen Muslimen gibt. Diese Verb\u00e4nde haben sich daher glasklar f\u00fcr unsere Gesellschaft und gegen Terror ausgesprochen. Sie haben sich auch f\u00fcr die Meinungsfreiheit ausgesprochen, sie haben sich sogar f\u00fcr die neue Ausgabe von Charlie Hebdo ausgesprochen, mit nicht mehr und nicht weniger den S\u00e4tzen, die man in einer offenen Gesellschaft erwarten kann: \u201e<em>Trotz ihrer generellen Kritik an Mohammed-Karikaturen haben deutsche Islamverb\u00e4nde die neue Ausgabe der franz\u00f6sischen Satirezeitung \u201cCharlie Hebdo\u201c verteidigt. \u201cKarikaturen m\u00fcssen mir pers\u00f6nlich nicht gefallen, um zu sagen, dass Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit wichtige, sch\u00fctzenswerte G\u00fcter sind &#8211; in der Demokratie, in der Religion und im pers\u00f6nlichen Umfeld\u201c, sagte der Generalsekret\u00e4r des t\u00fcrkisch-islamischen Verbandes Ditib, Bekir Alboga, der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch<\/em>.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/terror-in-frankreich-hollande-erwaegt-einsatz-von-flugzeugtraeger-gegen-is\/11226598.html\" target=\"_blank\">Tagesspiegel<\/a>). Geben wir den muslimischen Verb\u00e4nden die M\u00f6glichkeit, einen liberalen Islam zu unterst\u00fctzen. Und warten wir ab, wie die Gesellschaft mit einzelnen Stimmen gegen die Pressefreiheit umgeht.<\/p>\n<p>Ja, Religionskritik, auch\u00a0 durch humanistische Verb\u00e4nde, mu\u00df weiterhin m\u00f6glich sein. Religionskritik ist jedoch kein Selbstzweck, sondern ist nur dann sinnvoll, wenn es der F\u00f6rderung der humanistischen Werte unserer Gesellschaft dient. Die Art und Weise, wie die GBS Hochschulgruppe Jena und der BfG-Erlangen ihre Kritik zeigten, halte ich f\u00fcr falsch. Die humanistischen Werte sollten immer an erster Stelle stehen. Auch ein richtiges Wort zur falschen Zeit und am falschen Ort kann \u00d6l ins Feuer gie\u00dfen und die Spaltung unserer Gesellschaft, die z.B. durch Pegida versucht wird, vorantreiben. Humanisten sollten weder direkt noch indirekt Pegida Vorschub leisten.<\/p>\n<p>An den richtigen Orten ist Religionskritik selbstverst\u00e4ndlich auch aktuell m\u00f6glich. Nur: Humanismus und Aufkl\u00e4rung sollte anbietend sein, nicht aufdr\u00e4ngend. Wo ist f\u00fcr mich der Unterschied? Auf meiner <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/profile.php?id=100002062157817\" target=\"_blank\">Facebookseite<\/a> teile und zeige ich religionskritische Bilder von Charlie Hebdo. Jeder der sie sehen mag, darf sie anschauen. Wer sie nicht sehen mag, klickt weg. Ich w\u00fcrde diese Bilder jedoch nicht mit auf eine Demonstration nehmen, sie meinen muslimischen Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrgern unter die Nase halten und sie ihnen aufdr\u00e4ngen. Es w\u00fcrde mich ja auch irritieren, wenn ich an einer Gegendemonstrationen zu Pegida teilnehme und vor mir ein Banner mit Kritik am BfG oder der GBS ge\u00e4u\u00dfert w\u00fcrde. Dies ist f\u00fcr mich die Abgrenzung zu einem missionarischen Vorgehen, welches wir als Humanisten bei den Religionen ja gerade kritisieren. Deswegen ist es richtig, da\u00df Charlie Hebdo wieder erscheint, genauso religionskritisch wie zuvor, und andere Zeitungen die Bilder zeigen. Daf\u00fcr meinen gr\u00f6\u00dften Respekt an die Redaktion von Charlie Hebdo. Es wird jedoch niemand gezwungen, diese Bilder anzusehen, der sie nicht sehen mag. Ich geh\u00f6re auch zu den wenigen, die die Bilder von Charlie Hebdo nicht nur formell, aus Gr\u00fcnden der Meinungsfreiheit verteidigen, sondern weil ich sie auch, als Satire, gut finde.<\/p>\n<p><strong>Meine pers\u00f6nliche Zusammenfassung:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Humanisten und humanistische Gruppen sollten sich glasklar und eindeutig gegen die Hetzer von Pegida positionieren.<\/li>\n<li>Humanisten und humanistische Gruppen sollten, durch Teilnahme an Demonstrationen gegen Pegida, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die humanistischen Werte unserer Gesellschaft zeigen.<\/li>\n<li>Humanisten und humanistische Gruppen sollten weiterhin Kritik an Religionen und Ideologien \u00fcben, jedoch nicht missionierend und aufdringlich, sondern anbietend, zu den richtigen Zeitpunkten und an den richtigen Orten.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pegida wird von Rechtsextremen organisiert oder unterst\u00fctzt und verfolgt faschistische Ziele. 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