{"id":6,"date":"2009-09-14T10:00:19","date_gmt":"2009-09-14T08:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/atheologie.wordpress.com\/?p=3"},"modified":"2014-07-28T21:26:48","modified_gmt":"2014-07-28T19:26:48","slug":"3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=6","title":{"rendered":"Kommentar zu Patrick Illinger, \u201eDer echte Darwin\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kommentar zu Patrick Illinger, \u201eDer echte Darwin\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/153\/457809\/text\/\">S\u00fcddeutsche Zeitung vom 31.01.2009<\/a>, <\/p>\n<p>Man kann, grob gesprochen, drei Haltungen zur Evolutionslehre haben: Erstens, man kann die Evolutionslehre ablehnen. Ersetzt wird die wissenschaftliche Theorie dann gegen Richtungen, die man als \u201eKreationismus\u201c oder \u201eIntelligent Design\u201c bezeichnen kann. Es ist selbstredend v\u00f6llig legitim, solche Behauptungen aufzustellen. Alle wissenschaftlich anerkannten Theorien haben so begonnen. Dogmen eignen sich jedoch nicht als Beweise. Darum ist diese erste Haltung zur Evolutionslehre abzulehnen: \u201eKreationismus\u201c und \u201eIntelligent Design\u201c sind keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne, sondern sie sind ein Konglomerat aus unbewiesenen, oder nicht zu beweisenden Behauptungen, die im wesentlichen auf die wortgetreue Auslegung einer Glaubensschrift beruhen oder zumindest durch solche Schriften motiviert sind. Ohne diese Glaubensbasis brechen diese Behauptungen in sich zusammen. Jeder vern\u00fcnftige Mensch, der sich in offener Vorgehensweise mit Wissenschaften besch\u00e4ftigt und die wissenschaftliche Methodik verstanden hat, mu\u00df zu dem gleichen Schlu\u00df kommen.<\/p>\n<p> Die zweite Haltung zur Evolutionslehre steht der ersten diametral gegen\u00fcber: Die Evolutionslehre ist zu akzeptieren; eine Erkl\u00e4rung der Entwicklung des Lebens aus religi\u00f6ses Prinzipien heraus wird abgelehnt. In der Tat ben\u00f6tigt das moderne wissenschaftliche Bild der Welt keinen Gott oder g\u00f6ttliche Prinzipien. Das hei\u00dft nun nicht, die Wissenschaft habe keine offenen Fragen mehr. Aber es hat sich gezeigt, da\u00df zu keiner wissenschaftlichen Theorie je ein Bezug zu einem transzendenten Wesen oder Prinzip n\u00f6tig war. Diese zweite Haltung erkennt das wissenschaftliche Prinzip als einzige M\u00f6glichkeit an, wie wir Menschen die Welt begreifen k\u00f6nnen, aufgrund oder trotz unserer prinzipiell eingeschr\u00e4nkten Erkenntnisf\u00e4higkeit. In der Evolution ist kein Platz f\u00fcr einen aktiven Gott, der in das Weltgeschehen eingreift, denn dieses Eingreifen m\u00fc\u00dfte wissenschaftlich erkennbar sein.<\/p>\n<p>Die dritte der verbreiteten Haltungen versucht eine friedliche Koexistenz von Wissenschaft und Religion: Die Evolutionstheorie ist, im wissenschaftlichen Sinne, wahr und somit anzuerkennen. Von dieser wissenschaftlichen Welt ist jedoch die Welt des Religi\u00f6sen abzutrennen, beide Erkl\u00e4rungsweisen haben eine Daseinsberechtigung, jede in ihrem eigenen Bereich. Hier geht es nat\u00fcrlich nicht mehr nur um Darwin, hier geht es um das Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Religion im Allgemeinen. Zwingend f\u00fcr diese Haltung ist nat\u00fcrlich, die zugrundeliegenden Glaubensschriften, die, w\u00f6rtlich genommen, offensichtlich der Evolutionslehre widersprechen, umzudeuten als Texte, die man nur im \u00fcbertragenen Sinne verstehen kann. Die Bibel oder der Koran sind somit keine B\u00fccher, die im wissenschaftlichen Sinne zu interpretieren sind, sondern sie wollen nur die prinzipiellen Glaubensinhalte und -verhaltensweisen in Bildern wiedergeben. Dies ist im Prinzip eine sinnvolle, gem\u00e4\u00dfigte Glaubenshaltung. Nur, es dr\u00e4ngt sich nat\u00fcrlich sofort die Frage auf, wie weit diese Verbildlichung zu sehen ist: Die Erschaffung der Welt in sieben Tagen, Adam und Eva \u2013 nat\u00fcrlich, ein Bild. Die Kreuzigung Jesu \u2013 auch ein Bild? Man sieht, dieser \u00dcbereinkunft eines Waffenstillstandes zwischen Religion und Wissenschaft ist es inh\u00e4rent, da\u00df die Grenzlinie mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis stetig weiter verschoben wird, hinein in das Gebiet des Glaubens. Erst wenn jegliche wissenschaftlich \u00fcberpr\u00fcfbare Aussage der Religion nur noch als Bild gesehen wird, kann Friede herrschen. Und die prinzipiell letzte wissenschaftliche Aussage einer Religion, die an einen aktiven Gott glaubt, ist der Glauben daran, da\u00df dieser Gott in das Weltgeschehen eingreift. Ein solch passiver Gott aber w\u00e4re der Todessto\u00df f\u00fcr die meisten gro\u00dfen und kleinen Religionen. Denn wenn Gott nicht eingreift, ist auch jeglicher Kult, der auf das Diesseits abzielt, v\u00f6llig unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>Patrick Illinger m\u00f6chte nun offensichtlich, da schon seine Unterschrift \u201eWarum Evolution nicht im Widerspruch zur Religion steht\u201c lautet, die dritte Haltung einnehmen und in seinem Kommentar diese Grenzlinie zwischen Religion und Wissenschaft ziehen, die eine friedliche Koexistenz beider erlaubt.<\/p>\n<p>Zu anfangs stellt er dar, da\u00df Darwins Thesen oft verf\u00e4lscht und mi\u00dfbraucht wurden. Dies ist offensichtlich richtig, man braucht hier nur an den Sozialdarwinismus zu denken.<\/p>\n<p>Er stellt ferner fest, da\u00df Darwin nicht in Einklang zu bringen ist mit einem \u201enaiven Gottesbild, in dem der Sch\u00f6pfer [\u2026] pausenlos an jeder Weggabelung der biologischen Artenbildung Hand anlegt.\u201c. Dies ist eine offensichtliche Feststellung. Er schr\u00e4nkt jedoch ein: \u201eOb die ganze Sache am Anfang von einem Sch\u00f6pfer entz\u00fcndet wurde oder lediglich eine Folge universaler Naturgesetze ist, ist eine andere, dem menschlichen Erkenntnisdrang grunds\u00e4tzlich nicht zug\u00e4ngliche Frage.\u201c<\/p>\n<p>Daraus schlie\u00dft er, da\u00df man dem Atheisten Richard Dawkins, den er ebenso wie Kreationisten als \u201eExtremisten\u201c bezeichnet, mit Skepsis gegen\u00fcber treten sollte. Nun, Skepsis ist prinzipiell immer eine gute Einstellung, wenn man die Wahrheit herausfinden m\u00f6chte. Es ist auch gut, wenn Illinger betont, da\u00df der Mensch auch als reines Produkt der Evolution sein Selbstwertgef\u00fchl nicht verlieren m\u00fcsse. Nur zu seiner These, der Parallelit\u00e4t von Evolution und Religion, sagt er nichts mehr Weiteres; Thema verfehlt. Er geht nicht darauf ein, wo noch der Spielraum eines Gottes hinsichtlich der Evolutionstheorie sein k\u00f6nnte. Hat Gott die erste Bakterie kreiert? Oder den Affen Feuer gegeben? Oder degradiert die Evolutionstheorie Religion zum blo\u00dfen Jasager, zum Sch\u00f6pfer, der die Welt anschlie\u00dfend sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft? Es wird nicht klar, wo er die Grenze zwischen Religion und Wissenschaft ansetzt, und somit bringt er auch kein Argument f\u00fcr eine Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Wie so oft in solchen Diskussion, so rettet auch er sich mit der prinzipiellen Unbegreiflichkeit Gottes und zitiert Nicolaus Cusanus: \u201eGott steht als Verborgener jenseits unserer Fassungskraft\u201c. Von einem verborgenen Gott zu einem \u00fcberfl\u00fcssigen Gott ist es da nur noch ein kleiner Schritt.<\/p>\n<p>In der gleichen Druckausgabe der S\u00fcddeutschen, sogar auf der gleichen Seite, findet sich \u00fcbrigens der Artikel \u201eDer zaghafte Revolution\u00e4r\u201c (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/44\/457701\/text\/\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/44\/457701\/text\/<\/a>) von Christopher Schrader. Der fast ganzseitige Beitrag erz\u00e4hlt objektiv und gut geschildert das Leben von Charles Darwin und seine gro\u00dfen wissenschaftlichen Erfolge. Es entsteht ein lebendiges Bild von Darwin und seinen Zeitgenossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar zu Patrick Illinger, \u201eDer echte Darwin\u201c S\u00fcddeutsche Zeitung vom 31.01.2009, Man kann, grob gesprochen, drei Haltungen zur Evolutionslehre haben: Erstens, man kann die Evolutionslehre ablehnen. 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