{"id":175,"date":"2011-09-22T22:06:17","date_gmt":"2011-09-22T21:06:17","guid":{"rendered":"http:\/\/atheologie.wordpress.com\/?p=175"},"modified":"2014-07-28T21:26:19","modified_gmt":"2014-07-28T19:26:19","slug":"papstrede-vor-dem-bundestag-europa-ist-kulturlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.atheologie.de\/blog\/?p=175","title":{"rendered":"Papstrede vor dem Bundestag: Europa ist Kulturlos"},"content":{"rendered":"<p>In seiner Rede vor dem deutschen Bundestag am 22. September 2011 betonte Joseph Ratzinger gleich am Anfang, da\u00df er aufgrund seiner Eigenschaft als \u201ePapst, als Bischof von Rom\u201c eingeladen wurde. Es ist anzuerkennen, da\u00df er somit offen zugibt, was mancher deutscher Politiker mit formellen Verrenkungen zu umschiffen suchte: der Papst ist aufgrund seiner religi\u00f6sen Bedeutung eingeladen worden, nicht weil er Staatsoberhaupt des Vatikans ist.<\/p>\n<p>Ratzinger m\u00f6chte in seiner Rede \u201edie Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates vorlegen\u201c. Die Politik m\u00fcsse \u201eM\u00fchen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung f\u00fcr Friede schaffen\u201c. Als roter Faden zieht sich durch seine Rede, wie der Mensch \u201eGut von B\u00f6se\u201c unterscheiden k\u00f6nne \u2013 und stellt damit eine naiv-religi\u00f6se Sicht auf die Welt dar. Aus der katholischen Sicht verst\u00e4ndlich, denn nur wenn \u201edas\u201c Gute und \u201edas\u201c B\u00f6se auch tats\u00e4chlich existieren, macht die katholische Lehre von Gott und Satan einen Sinn.<\/p>\n<p>Ratzinger betont, da\u00df der Mensch sich heute selbst \u201emanipulieren\u201c und \u201eMenschen vom Menschsein ausschlie\u00dfen\u201c k\u00f6nne. Man mu\u00df hinterfragen: sind dies wirklich Eigenschaften unserer heutigen Zeit? Nein! Es ist vielmehr so, da\u00df in historischen Zeiten Menschen wesentlich inhumaner waren! Wir k\u00f6nnen Stolz sein auf unser heutiges demokratisches, humanes Europa! Noch nie gab es eine so lange friedvolle Periode in Europa wie zu unserer Zeit. Ratzinger versucht in seiner Rede eine Br\u00fccke zu bauen von der seiner Meinung nach m\u00f6glichen Zerst\u00f6rung der Welt und der wissenschaftlichen, medizinischen Forschung, die er subversiv mit dem negativ belasteten Wort \u201emanipulieren\u201c umschreibt. Trotz aller bekannter Probleme: noch nie ging es den Menschen in Europa so gut wie heute; daran k\u00f6nnen auch Schlechtredner wie Ratzinger nichts \u00e4ndern.<!--more--><\/p>\n<p>Rhetorisch nicht ungeschickt baut Ratzinger in seiner Rede ein Drohszenario auf: Der Mensch k\u00f6nne \u201edie Welt zerst\u00f6ren\u201c. Gleich darauf betont er, da\u00df bei Entscheidungen zur W\u00fcrde des Menschen \u201edas Mehrheitsprinzip nicht ausreicht\u201c. Dies ist jedoch nicht \u201eoffenkundig\u201c, wie Ratzinger behauptet: man betrachte die verschiedenen Staaten der Welt: Es ist hier eher offenkundig, da\u00df demokratische Staaten die Menschenw\u00fcrde respektieren, w\u00e4hrend undemokratische Staaten fragw\u00fcrdige bis verabscheuungsw\u00fcrdige Praktiken an den Tag legen. Es l\u00e4\u00dft sich also eher vermuten, da\u00df demokratisches Herangehen an Menschenrechte und Menschenw\u00fcrde vielversprechender sind. Wir k\u00f6nnen froh sein, da\u00df unser deutsches Grundgesetz und mit ihm die Menschenrechte in einem demokratischen Proze\u00df enstanden sind! Letztendlich spricht Ratzinger mit dieser These dem deutschen Parlament die Entscheidungsf\u00e4higkeit zu wichtigen staatlichen Thema ab und kritisiert auch indirekt zum Beispiel die Abstimmung des deutschen Bundestags \u00fcber die Pr\u00e4implantationsdiagnostik (PID). Das mu\u00df sich ein deutsches Parlament von einem Staatsoberhaupt sagen lassen, dessen Staat, der Vatikan, die UN-Menschenrechtscharta bisher nicht formell anerkannt hat!<\/p>\n<p>Ein Ausflug in die Notwendigkeit der \u00d6kologie bietet Ratzinger die M\u00f6glichkeit, auf die Wichtigkeit der \u201eNatur\u201c hinzuweisen. Er \u00fcbertr\u00e4gt die \u00d6kologie und ihren Respekt vor der Natur auf den Menschen: dieser solle auf die Natur h\u00f6ren. Wenn wir unsere n\u00e4chsten tierischen Verwandten, die Affen, ansehen, sollten wir eher froh sein, da\u00df wir unser \u201enat\u00fcrliches\u201c Verhalten abgelegt haben: hier wird, w\u00fcrde man diese tierischen Verhaltensweisen auf den Menschen \u00fcbertragen, gemordet, betrogen und vergewaltigt. Gl\u00fccklicherweise, gl\u00fccklicherweise haben wir Menschen uns \u00fcber dieses \u201enat\u00fcrliche\u201c Verhalten erhoben und uns ethische Regeln gegeben, die uns helfen zu entscheiden, welche Verhaltensweisen aus der Natur gut und welche schlecht f\u00fcr unsere Gesellschaft sind!<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte seiner Rede versucht Ratzinger einen Gottesbeweis: \u201eIst es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine sch\u00f6pferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?\u201c Er benutzt hier eine \u00e4hnlich naive Argumentationskette wie Bef\u00fcrworter des Kreationismus \u2013 es fehlte nur noch der Hinweis auf den Uhrmacher &#8211; und ignoriert die lange bekannten philosophischen Gegenargumente. Auch die Behauptung, eine Ethik k\u00f6nne dem Menschen nur durch Gott gegeben werden, darf nicht fehlen. Wie schon oben dargelegt, sollten wir froh sein, da\u00df wir in einem demokratischen Staat leben, dessen Regeln eben nicht von einer Religion diktiert wurden! Ethische Regeln leben davon, da\u00df Menschen \u2013 Menschen! &#8211; diese Regeln immer wieder hinterfragen und, wenn n\u00f6tig, \u00e4ndern oder erg\u00e4nzen. Ein vereinfachender Absolutheitsanspruch einer Religion, f\u00fcr die eine Sache auf ewig immer \u201eb\u00f6se\u201c, und eine andere immer \u201egut\u201c, ist in einer komplexen menschlichen Gesellschaft fehl am Platze. Ratzingers Kritik gipfelt in einem herben Vorwurf gegen unsere rationale, vern\u00fcnftige europ\u00e4ische Gesellschaft: \u201eIch sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur [\u2026] anzuerkennen, alle \u00fcbrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status der Subkultur verwiesen und damit Europa gegen\u00fcber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit ger\u00fcckt [\u2026] werden\u201c. Europa? Kulturlos? Wie kann man so anma\u00dfend sein. Wir sollten Stolz sein auf unsere starke, humane, demokratische, vielf\u00e4ltige europ\u00e4ische Kultur! Welche Kreise Ratzinger meint, bleibt offen \u2013 zumindest in dieser Rede vor dem deutschen Parlament.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df noch ein paar Gedanken zu dem, was Ratzinger <em>nicht<\/em> gesagt hat: Kein Wort zu den staatlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vatikan. Dies ist nur konsequent, da er sich auch in seiner Eigenschaft als Papst eingeladen f\u00fchlt, eben nicht als Staatsoberhaupt. Keine Erw\u00e4hnung der Probleme der katholischen Kirche, die in Deutschland aktuell die Presse besch\u00e4ftigen: die fragw\u00fcrdige arbeitsrechtliche Sonderstellung der Kirchen und ihrer Institutionen, den Mi\u00dfbrauch von Kindern durch Kirchenbedienstete, die Mi\u00dfhandlungen in den Kinderheimen. Kein Wort zu kirchlichen Themen, die die Deutschen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger besch\u00e4ftigen, wie \u00d6kumene, Z\u00f6libat oder die katholische Sexuallehre. Dies war aber nat\u00fcrlich auch nicht zu erwarten.<\/p>\n<p>Zusammenfassend ist die Rede von Ratzinger auf den ersten Blick zur\u00fcckhaltend, offensichtlich ist er sehr bem\u00fcht, strittige Themen nicht beim Namen zu nennen. Zum Teil ist er sogar offen: f\u00fcr ihn basiert unsere Kultur auf der \u201evorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie\u201c, dem \u201echristliche[n] Mittelalter\u201c sowie auf der \u201eRechtsentfaltung der Aufkl\u00e4rungszeit bis hin zur Erkl\u00e4rung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz\u201c. Eine differenzierte Darstellung, die man sich von manchen deutschen, christlichen Politikern, die von einer j\u00fcdisch-christlichen Kultur in Deutschland sprechen, auch w\u00fcnscht. Ratzinger betont sogar, da\u00df \u201eEthos und Religion [\u2026] aus dem Bereich der Vernunft [fallen]\u201c und respektiert die wissenschaftliche Forschung. Reflektiert man jedoch seine Aussagen, kann man, wie dargestellt, herbe Kritik, wie die Kulturlosigkeit Europas, sowie naive religi\u00f6se Vorstellungen, wie \u201edas Gute und das B\u00f6se\u201c nicht \u00fcbersehen. Ratzingers Rede ist somit, wie erwartet, maximal ein kleiner Aufreger, aber auch nichts neues.<\/p>\n<p><em><strong>Erg\u00e4nzung vom 10. Oktober 2011<\/strong><strong>:<\/strong><\/em> Auf den Seiten des hpd findet sich eine Stellungnahme von David Berger, die vor allem Ratzingers Verweis auf das Naturrecht als gef\u00e4hrlich ansieht:\u00a0<a href=\"http:\/\/hpd.de\/node\/12025\" target=\"_blank\"> &#8222;Eine brandgef\u00e4hrliche Rede&#8220;<\/a> . Ebenso interessant: Reaktionen von freundlichen Christen auf Rolf Schwanitz&#8216; Kritik: Was<a href=\"http:\/\/hpd.de\/node\/12070\" target=\"_blank\"> Papst-Fans Kritikern zu sagen hatten<\/a> .<\/p>\n<address><em>Die Rede im Wortlaut: <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/politik\/article1772700\/Die-Papst-Rede-im-Wortlaut.html\" target=\"_blank\">Berliner Morgenpost <\/a><\/em><\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Rede vor dem deutschen Bundestag am 22. 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